WECKRUF 2025/2026

Sehr geehrte Damen und Herren,

dieser Umweltbericht verfolgt kein kommunikatives Ziel. Er ist als strategisches Dokument zu verstehen.

Denn die zentrale Realität lautet: Wir leben längst nicht mehr in einer Phase ökologischer Verbesserung, sondern in einer Phase wachsender physikalischer Risiken. Ein Rang 11 im globalen CO₂-Fußabdruck ist kein Zeichen relativer Stärke – er ist ein Hinweis auf weiterhin strukturell klimaschädliches Verhalten. Wer die oberen Ränge belegt, gehört nicht zu den Vorreitern, sondern zu den relevanten Verursachern.

Die entscheidende Gefahr unserer Zeit ist jedoch nicht allein der Ausstoß von Treibhausgasen. Es ist die Diskrepanz zwischen wahrgenommenem Fortschritt und tatsächlicher Systemwirkung.

Wir haben sichtbare Umweltverschmutzung reduziert – und gleichzeitig eine Wirtschaftsweise stabilisiert, die ihre Belastungen zunehmend in unsichtbare klimatische Prozesse verlagert. Diese Entwicklung erzeugt eine trügerische Sicherheit: Was nicht unmittelbar wahrnehmbar ist, wird politisch wie gesellschaftlich unterschätzt.

Strategisch betrachtet ist genau diese Fehleinschätzung hochriskant.

Die Atmosphäre reagiert ausschließlich auf Stoff- und Energiebilanzen. Sie kennt keine Transformationsrhetorik, keine nationalen Erfolgsmeldungen und keine graduellen Interpretationen. In diesem Sinne ist Klimaschutz keine primär moralische oder politische Aufgabe – sondern eine Frage operativer Kompetenz im Umgang mit thermodynamischen Grenzen.

Organisationen, die diese Realität ignorieren, treffen Entscheidungen auf unvollständiger Grundlage.

Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz: Umweltkompetenz muss zur Führungsdisziplin werden.

Nicht als Erweiterung bestehender Nachhaltigkeitskommunikation, sondern als integraler Bestandteil strategischer Steuerung – vergleichbar mit Finanzkontrolle, Risikomanagement oder Qualitätssicherung.

Instrumente hierfür existieren bereits. Umweltmanagementsysteme wie EMAS bieten belastbare Strukturen zur Erfassung, Bewertung und Reduktion von Umweltwirkungen. Doch ihre Verbreitung bleibt zu gering, um systemische Effekte zu erzeugen.

Freiwilligkeit allein wird die notwendige Geschwindigkeit nicht erreichen.

Es ist daher zu prüfen, in welchen Sektoren anspruchsvolle Umweltmanagementstandards perspektivisch zur Erwartungshaltung werden müssen – nicht als bürokratische Erweiterung, sondern als Voraussetzung resilienter Organisationen.

Parallel dazu benötigt die Umweltgefährdungsbeurteilung eine neue strategische Bedeutung. In nahezu allen Hochrisikobranchen gilt: Risiken werden vor ihrer Realisierung analysiert. Im Umweltbereich geschieht dies noch zu häufig reaktiv.

Zukunftsfähige Systeme antizipieren Folgen, bevor sie eintreten.

Doch selbst perfekte nationale Strategien reichen nicht aus. Die Energiebilanz unseres Planeten ist global gekoppelt. Energiereiche Regionen mit hoher erneuerbarer Verfügbarkeit und energieärmere Volkswirtschaften mit saisonalen Defiziten müssen stärker als komplementäre Partner gedacht werden.

Internationale Energiekooperation wird damit von einer Option zu einer Stabilitätsfrage.

Großskalige Speichertechnologien, erneuerbar erzeugte Energieträger, robuste Netzinfrastrukturen und langfristige Partnerschaften entscheiden künftig nicht nur über Klimaschutz, sondern über wirtschaftliche Sicherheit.

Ebenso strategisch ist der Aufbau funktionierender Kreislaufwirtschaften. Recycling reduziert nicht nur Umweltbelastungen – es senkt den Primärenergiebedarf, stabilisiert Lieferketten und erhöht die Unabhängigkeit ganzer Volkswirtschaften. Gerade energieärmere Länder profitieren überproportional von geschlossenen Materialkreisläufen.

Ein weiterer, häufig unterschätzter Faktor ist die Lenkungswirkung globaler Kapitalströme. Kapital beschleunigt Entwicklung – jedoch richtungsneutral. Ohne klare regulatorische und wirtschaftliche Leitplanken verstärkt es bestehende Strukturen, unabhängig von deren Klimaverträglichkeit.

Transformation benötigt daher nicht nur Innovation, sondern eindeutige Investitionssignale.

Die vielleicht unbequeme Erkenntnis lautet: Selbst bei sofortiger globaler Umsetzung geeigneter Maßnahmen ist ein Erfolg nicht garantiert. Industrielle Anlagen wirken über Jahrzehnte, Infrastrukturen sind langlebig, und klimatische Systeme reagieren mit Verzögerung.

Genau daraus ergibt sich jedoch kein Argument für Vorsicht – sondern für Entschlossenheit.

Strategisch erfolgreiche Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie Risiken früh ernst nehmen. Nicht erst dann, wenn Handlungsspielräume bereits geschrumpft sind.

Daraus lassen sich vier prioritäre Handlungsfelder ableiten:

Erstens: Absolute Reduktion statt relativer Verbesserung. Entscheidend ist nicht, ob Emissionen langsamer wachsen – sondern ob sie tatsächlich sinken.

Zweitens: Verlagerung von Symbolpolitik hin zu physikalisch wirksamen Maßnahmen. Sichtbarkeit darf Wirkung nicht ersetzen.

Drittens: Institutionalisierung von Umweltkompetenz in Führungs- und Entscheidungsstrukturen. Umweltfragen sind keine Randthemen mehr – sie definieren Zukunftsfähigkeit.

Viertens: Aufbau belastbarer internationaler Partnerschaften im Energie- und Ressourcensystem, um strukturelle Ungleichgewichte zu überwinden.

Dabei sollten wir eine weitere Realität anerkennen: Viele Menschen unterschätzen die Komplexität von Umwelt- und Klimaschutz nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil ihnen der operative Einblick fehlt. Wer jedoch einmal tief in Stoffströme, Energiebilanzen und systemische Wechselwirkungen eingetaucht ist, erkennt schnell die tatsächliche Dimension der Aufgabe.

Dieses Verständnis muss aus der Expertennische herausgeführt werden.

Nicht Alarmismus, sondern Klarheit ist jetzt erforderlich. Nicht Perfektion, sondern konsequente Lernfähigkeit. Und vor allem: die Bereitschaft, wahrgenommenen Fortschritt regelmäßig an physikalischen Ergebnissen zu messen.

Die kommenden Jahre werden darüber entscheiden, ob wir Transformation aktiv gestalten – oder ob wir künftig primär auf eskalierende Risiken reagieren müssen.

Die strategische Frage lautet daher nicht mehr, ob wir handeln.

Sie lautet, ob wir schnell genug bereit sind, unser Verständnis von Fortschritt neu zu definieren: als Fähigkeit, innerhalb planetarer Grenzen Stabilität, Wohlstand und Sicherheit zu organisieren.

Alles andere wäre keine Strategie.

Es wäre Hoffnung.

Mit nachdrücklichen Grüßen

M. Franke
Chemotechniker | Umweltmanagement | Systemisches Denken